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Spitze! - Trainer am Olympiastützpunkt Schwerin
(22.03.2018)

Ronald Grimm über Talent, Triumph und Traumberuf

Seine Sportler fahren schon mal an der Weltspitze mit. So wie Stefan Nimke, mehrfacher Weltmeister im Bahnradsport. Dabei formt Trainer Ronald Grimm seine Athleten dort, wo die nächste Radrennbahn mehr als 80 Kilometer entfernt steht.

Bei manchen Athleten schaut nicht mal die Nasenspitze heraus. Dick angezogen stehen die Sportler mit ihren Rennrädern vor dem Bundesstützpunkt des deutschen Bahnradsports in Schwerin, einem von fünf in ganz Deutschland. Es ist ein nasskalter Wintertag, an dem Trainer Ronald Grimm mit den jungen Talenten die nächste Strecke bespricht. „Heute geht es auf unsere Standardroute. Fahrt schon mal los, ich komme gleich mit dem Auto nach“, sagt er.

Die Standardroute führt über die Dörfer vor den Toren Schwerins. Eine Radrennbahn gibt es in der Landeshauptstadt bislang noch nicht. Das nächste Oval steht im mehr als 80 Kilometer entfernten Rostock und ist nur in den Sommermonaten befahrbar. „Die Bahn in der Hansestadt ist offen und hohe Luftfeuchtigkeit macht sie rutschig. Dann wird es gefährlich“, erklärt Ronald Grimm.

In ganz Deutschland gibt es nur eine Radrennbahn, die auch im Winter von den Radsportlern durchgängig befahren werden kann. Die befindet sich östlich von Berlin in Frankfurt/Oder und ist gerade in den kalten Monaten heiß begehrt. So fliehen die Radsportler mit Ronald Grimm zum Grundlagentraining regelmäßig im März vor dem deutschen Winterwetter und den bescheidenen Trainingsbedingungen und fliegen in die spanische Sonne Mallorcas. „Hier ist es bezahlbar, das Wetter ist stabil und die Trainingsbedingungen vielseitig“, sagt der 59-Jährige.

Während solcher Reisen ist Ronald Grimm mehr als nur Trainer, sondern auch als Betreuer, Organisator und Kraftfahrer gefragt. Sein Kader besteht zurzeit aus acht Radsportlern, unter ihnen vielversprechende Talente wie der zweimalige Vize-Weltmeister der U19-Klasse Carl Hinze und die dreimalige Vize-Weltmeisterin der U19-Klasse Lea Sophie Friedrich.

Mit seinen Athleten fährt Ronald Grimm an den Wochenenden regelmäßig zu Wettkämpfen. „Dann bin ich von Donnerstag/Freitag bis Sonntag unterwegs, oft erst spät in der Nacht zu Hause“, erzählt der Radsportspezialist. Auch an den Wochentagen ist häufig erst gegen 19.30 Uhr Feierabend. „Ich darf nicht auf die Wochenstunden gucken“, sagt er. Aber das habe er schon gewusst, bevor er sein Hobby zum Beruf gemacht hatte.

Im Jahr 1972 hatte Ronald Grimm als Zwölfjähriger seine Liebe zum Zweirad entdeckt, später auch zum Bahnradsport. Er fuhr bei der Spartakiade einen persönlichen Rekord in der Sprint-Qualifikation über 200 Meter ein, die er mit 12,5 Sekunden bewältigte. Aber seine aktive Laufbahn als Radsportler war kurz, endete mit dem Abitur. Für ein angestrebtes Sportstudium sollte er nach der Armeezeit ein Jahr als Heizer überbrücken, was er nicht wollte. Also entschloss er sich kurzerhand auf Lehramt für Mathematik, Physik und Astronomie zu studieren.

In den 80er-Jahren arbeiteten er und seine Frau als Lehrer in Wismar und Schwerin, die Leidenschaft für den Radsport blieb. Im Jahr 1987 begann Ronald Grimm neben seinem Beruf, in Schwerin eine Trainingsgruppe bei Dynamo Schwerin aufzubauen. Mit der deutschen Wiedervereinigung stand auch der Radsport kurzzeitig auf der Kippe, bis 1991 neue Trainingsgruppen gebildet wurden, aus der Jahre später unter anderem der mehrfache Weltmeister und Olympiasieger Stefan Nimke hervorgehen sollte. Zwei Jahre später schrieb Ronald Grimm die Trainingspläne für Stefan Nimke, bei internationalen Wettkämpfen begleitete er seinen Schützling allerdings weiterhin nur selten. 1998 machte Ronald Grimm seine A-Lizenz und legte damit den Grundstein für seine weitere Laufbahn als Berufstrainer.

„Im Herbst 2010 stand dann die Entscheidung im Raum, ob ich Vollzeit-Radtrainer am Olympiastützpunkt in Schwerin werden möchte“, erinnert sich der Profi. „Ich musste nicht lange überlegen. Bereut habe ich es nie. Aber man muss schon einen Faible für den Sport haben. Als Lehrer habe ich besser verdient und einen geregelten Feierabend gehabt.“

Dazu kommt: Der Arbeitsvertrag von Ronald Grimm als Trainer am Olympiastützpunkt ist zeitlich befristet. Das liege unter anderem an der laufenden Diskussion, ob Schwerin nun Bundesstützpunkt des deutschen Bahnradsports werden soll oder nicht, erklärt er. Damit stehe und falle auch die Entscheidung für oder gegen den Bau einer Radrennbahn in der Landeshauptstadt. Aber er sei schon zu lange Trainer, um sich von solchen Diskussionen verunsichern zu lassen.

Pläne für den Bau einer Radrennbahn gibt es in Schwerin schon lange. Bis sie aus dem Boden gestampft wird, findet das Training zu großen Teilen weiterhin auf der Straße statt. Ausdauer, Muskelaufbau, Technik. „Das kann man auch auf der Straße trainieren“, sagt Ronald Grimm. Außerdem schickt er seine Radsportler regelmäßig auf einen der Ergometer, um zum Beispiel den richtigen Antritt zu trainieren.

„Es ist erstaunlich, wie schnell die jungen Sportler Muskelmasse aufbauen, die wiegen dann innerhalb von drei Jahren auf einmal 20 Kilogramm mehr“, so der Radsport-Profi. Mit Doping habe er bislang aber noch nichts zu tun gehabt. „Mir ist im deutschen Kurzzeitbahn-Radsport auch kein Fall bekannt. Die Dokumentation ist sehr streng. Wer bei mir dopt, würde sofort rausfliegen“, sagt er.

Neben dem ganzen Training sind die Nachwuchs-Athleten auch für ihre Räder verantwortlich. Jeder von ihnen besitzt mindestens ein Rad für die Straße und eines für die Bahn. „Das sind Spezialanfertigungen, die schon mal um die 17.000 Euro kosten. Das ist eine Menge Verantwortung“, so der Trainer. Muss etwas repariert oder erneuert werden, geben die Sportler rechtzeitig in der Werkstatt Bescheid.
„So müssen die Sportler nicht nur fit sein, sondern auch mitdenken“, erklärt Ronald Grimm. „Ich arbeite gern mit solchen wissbegierigen, jungen Menschen. Vor allem, wenn ich sehe, dass ich etwas bei ihnen bewirken kann.“

Das ist Radsport-Trainer Ronald Grimm

Ronald Grimm erblickte am 4. März 1959 das Licht der Welt und entdeckte 1972 seine Leidenschaft für den Radsport. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Nach einer kurzen sportlichen Laufbahn, wurde er Lehrer für Mathematik, Physik und Astronomie. Er arbeitete neben seinem Lehrerberuf aber weiter als Trainer im Bahnradsport, formte unter anderen den vierfachen Weltmeister Stefan Nimke. Seit 2010 arbeitet Ronald Grimm hauptberuflich als Trainer für Bahnradsport „Kurzzeit“ am Olympiastützpunkt Schwerin.

Trainer Portraits von Juliane Fuchs, freie Journalistin im Auftrag des Landessportbundes M-V e.V.

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